"In 69 Stunden im Paradies" von Gerhard Blaboll

 



Der Roman „69 Stunden ins Paradies” handelt vom gegenwärtigen Blick der Europäer:innen auf Afrika. Feinsinnig erzählt Gerhard Blaboll, wie ein entlassener Handelsreisender das vermeintliche Paradies in Afrika nicht findet, jedoch eine Reihe unbequemer Antworten auf drängende Fragen der Globalisierung, Migration und Ungleichheit.
Als das Paradies auf Erden mit Palmen, Stränden und einem netten Mädchen, so wird Jeremiras (Jere) Freimuth in einer Anzeige im Internet der Senegal beschrieben. Das westafrikanische Land liegt nur 69 Stunden Reise entfernt und verspricht Jeremiras (Jere) Freimuth, einem ehemaligen Handelsreisenden und „Afrika-Experten”, nach einer unfairen Entlassung neue Orientierung im Leben zu geben.
Gerhard Blaboll, 1958 geboren, hat als Feinmechaniker und Postler berufsbegleitend Jus, BWL, Geschichte und Internationales Recht studiert und später als Wirtschaftsjurist und Manager großer Konzernender Finanz- und IT-Branche die ganze Welt bereist. Seit 2006 ist er freiberuflicher Schriftsteller. Als Texter hat er zahlreiche Lieder veröffentlicht und als Moderator gestaltet er seit 2007 die Radiosendung Mit Künstlern auf du und du (Ö1 Campus). Für diesen ersten Roman recherchierte er ausführlich in Westafrika und führte sogar Gespräche mit dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall.


Lebenswege, die sich kreuzen
Vier Personen auf dem Weg in den Senegal, deren Leben sich am Flughafen von Lissabon aufgrund eines verspäteten Anschlussfluges kreuzen. Alle haben unterschiedliche Motive, in den Senegal zu reisen. Das Ehepaar Sandra und Martin will echtes afrikanisches Kunsthandwerk für ihr Geschäft in Deutschland kaufen, die Französin Marie hat nach dem Tod ihres viel älteren Mannes eine Methode gefunden, um sich jeden Sommer neue Liebschaften mit jungen Männern zu verschaffen. Und Jere, der mit seiner Frau Hannah in einer „glücklichen” fernen Ehe lebt und dessen Hauptaufgabe darin besteht, sich nach der erzwungenen Neuordnung seines Lebens nach seiner Entlassung eine Auszeit zu gönnen.
Jere begegnet den Ereignissen mit dem unschuldigen und unwissenden Blick eines Touristen. Als Europäer des 21. Jahrhunderts ist er gegenüber den heutigen Vorgängen in Afrika in einer Beobachterposition, in der die afrikanischen Stereotypen vor seinen Augen auftauchen und wieder abtauchen. Jere greift diese Stereotypen auf und erzählt sie so wie sie von ihm erlebt wurden, am Ende steht aber anders als üblich kein erfülltes rassistisches Stereotyp, sondern ein Mensch, der aus dem, was er sieht lernen will. Jere greift diese Stereotypen auf und erzählt sie so, wie er sie erlebt hat, aber am Ende gibt es anders als sonst keine erfüllten rassistischen Stereotypen, sondern einen Mann, der aus dem, was er sieht, lernen will.
Die aus der kolonialen Vergangenheit resultierenden Widersprüche zwischen Europäern und Afrikanern haben sich oft in einer Art Hassliebe der Afrikaner gegenüber den Europäern manifestiert. Jere will diesen Zustand verstehen: „Einerseits sehen sie uns als lebensuntüchtige neureiche Kolonialherren. Sie werfen uns vor, unverdient zu Wohlstand gekommen zu sein und meinen, dass uns recht geschieht, von ihnen ausgenommen zu werden. Andererseits versuchen viele, Afrika zu verlassen und nach Europa zu kommen. Das passt doch nicht zusammen!” Manuel, ein senegalesischer Taxifahrer und pensionierter Geschichtslehrer, hilft Jere, diese Widersprüche zu verstehen, indem er ihm die Ausweglosigkeit dieser Situation an einem Beispiel vor Augen führt, das mittlerweile typisch für Afrika geworden ist. Er fährt mit Jere zu einer von der EU fi- nanzierten Deponie für giftigen Elektroschrott, auf der Kinder arbeiten und die in Europa als Entwicklungshilfe deklariert wird. Für Manuel steht fest: „Ob unsere Länder geplündert und bestohlen werden oder als Müllhalde dienen - wir erhalten nicht den Respekt, der uns zusteht, so wie allen Menschen auf der Erde!”
Der Tourist Jere kann die Augen vor der Zerstörung, die aus seiner eigenen Kultur kommt, nicht verschließen. Er erkennt, dass seine westliche Ausbildung ihm nicht dabei geholfen hat, sich die Ursachen für diese kulturellen Widersprüche bewusst zu machen. Es fehlte ihm schlichtweg das Wissen.
Die Migration von Afrikaner:innen ist oft ihrem puren Überlebenswillen angesichts katastrophaler wirtschaftlicher oder sozialer Bedingungen geschuldet, die vielfach aus der jahrhundertelangen Manipulation und Ausbeutung durch Europa und anderen Nationen resultieren. Dieses Buch ist ein Appell dafür, dass man „für eine Veränderung der Verhältnisse, Veränderung zulassen können muss”.
Am Ende der Reise findet Jere „sein Paradies” in seiner Ehefrau - Hakuna Matata.

Von Madge Gill Bukasa

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