COOL, das will ich auch
Über das Tätowieren als Handwerk und Kunst – und über die Verantwortung, die dieser Beruf mit sich bringt – haben wir mit Nicole Hatchatourova gesprochen. Nicole tätowiert im Blackwerk Studio in der Annagasse 5, 1010 Wien. Ihr Repertoire umfasst Blackwork, Linework, Traditional, Japanese, Portraits und Fineline. Mehr Infos gibt’s hier
F: Heute spricht man von Tätowieren und Tätowierkunst. Was ist der Unterschied?
N: Der Unterschied zwischen Tätowieren und Tätowierkunst ist für mich: Kommt jemand und möchte ein Geburtsdatum, ist es Handwerk – da geht es vor allem um saubere Ausführung. Kommt jemand gezielt wegen meines Stils und sagt: „Kannst du mir etwas in deinem Stil zeichnen?“, dann ist das künstlerische Arbeit und braucht Vertrauen.
In den Ursprüngen des Oldschool-Tätowierens, hat man sogenannte Flashes selbst gezeichnet. Stilistisch sind das die klassischen American Traditionals. Es gibt viele Tätowierer, die diese Flashes zeichnen oder sich selber als Künstler:innen mit der Materie beschäftigen, Bilder malen oder Ausstellungen haben.
Aber nicht alle Tätowierer zeichnen Gemälde, und man muss dafür auch nicht zwingend Künstler oder Künstlerin sein. Heute gibt es sozusagen iPad-Tätowierer, die ihre Motive mit Programmen wie Adobe Photoshop konstruieren. Das sind z.B. realistische Tätowierer, also Realistic Tattooers, die Porträts und hauptsächlich hyperrealistische Sachen machen. Und das hat auch absolut seinen Sinn, und das, was sie auf der Haut machen, ist wirklich selber Kunst.
Mit der Fineline-Richtung ist es öfter so, dass Wörter oder Symbole einfach ausgedruckt und tätowiert werden. Das ist dann eher reines Tätowieren.
F: Kommen die meisten mit einer persönlichen Story zu euch und ihr entwickelt das Motiv dann gemeinsam, oder kommen sie mit einem fixfertigen Entwurf und sagen: „Das will ich“?
N: Eigentlich beides. Im Vergleich zu früher kommen heute viel mehr Leute mit konkreten Bildvorstellungen, die sehr trendabhängig sind. Durch Social Media ist man ständig mit Beispielen überflutet, und das lenkt auch die Wahrnehmung dessen, was man haben möchte.
Dabei spielt auch Gruppenzugehörigkeit eine Rolle: Will ich etwas, weil es zu einer Szene, Subkultur oder einem Lifestyle passt, oder weil es eine persönliche Bedeutung hat – etwa nach einer traumatischen Trennung, weil ich frisch verliebt bin, wegen der Geburt eines Kindes, den Namen der besten Freundin oder den eigenen Beruf, vielleicht das Innungszeichen einer Tischlerei auf dem Rücken. Aktuell sind Fineline-One-Liner im Trend, also durchgehende Linien mit Porträts, die oft keinen tiefen Hintergrund haben. Man sieht das auf Pinterest, TikTok oder Instagram und denkt: „Cool, das will ich auch!“ Und das ist völlig okay – ein Tattoo muss nicht immer eine tiefe Story haben.
F: Wie sieht bei euch eine Beratung aus?
N: In erster Linie findet die Beratung bei uns im Studio statt. Wir schauen zuerst immer, wer von unseren Tätowierern passt am besten zu dir.
Wir haben auch Kund:innen aus dem Ausland, die uns online kontaktieren. Dann läuft vieles über E-Mail: Ich stelle dieselben Fragen wie im persönlichen Gespräch, zum Beispiel, ob schon Tattoos vorhanden sind, damit alles zusammenhängend ausschaut. Mir ist wichtig, ein kohärentes Piece zu schaffen und nicht einfach ein Tattoo irgendwohin zu sticken. Ein Sticker ist genau das, was es nicht sein soll.
Ich würde sagen, unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir sehr individuell mit den Kund:innen arbeiten, dass es wirklich custom ist. Generell ist bei uns alles custom made – außer die einfachen Motive wie Namen oder Daten.
F: Gibt es auch Kund:innen, die gezielt Tattoos von bestimmten Tätowierer:innen wollen, weil die im Metier legendär sind?
N: Ich erlebe vor allem Studiotreue.
F: Also Treue, damit der Stil am Körper harmonisch bleibt?
N: Genau, es gibt beides. Viele sind sozusagen Stammkund:innen und kommen immer wieder ins Studio. Manchmal merken sie nach dem zweiten oder dritten Termin, dass ihnen die Arbeiten einer anderen Person hier auch gefallen. Weil sie sich im Studio wohlfühlen und Vertrauen haben, wechseln sie dann. Und es gibt auch viele Kund:innen, die bewusst Tattoos von mir und von Kolleg:innen haben wollen.
F: Wer ist zum Beispiel der Tätowierer von David Beckham?
N: Jeder hier im Studio würde dir sagen: Es ist voll wurscht, wer diese Wolken gemacht hat.
F: Berühmte Personen haben Tattoos gesellschaftsfähiger gemacht. Als Fan will man dann wissen: Wer hat ihn tätowiert?
N: Ich habe zum Beispiel zwei Mitglieder der Band OneRepublic tätowiert.
F: Super. Wie bist du zu ihnen gekommen? Macht sich da der erste Bezirk bezahlt oder war es eine Empfehlung?
N: Das wissen wir nicht. Universal Music hat uns einfach angeschrieben und gefragt: "Hey, sie sind gerade in Wien – habt ihr Zeit, sie zu tätowieren?"
F: Wollten sie sich unbedingt ein Tattoo in Österreich stechen lassen?
N: Ich weiß nicht, ob sie es unbedingt in Wien oder in Österreich machen wollten, aber sie wollten jetzt unbedingt eins haben. Sie waren anscheinend happy, weil bei der zweiten Tour sind sie wieder gekommen.
F: Hast du einen Künstlername?
N: Ja. Früher war mein Künstlername Nicole Chapier. Das war noch sehr früh, da war ich etwa zwölf – inspiriert vom Hutmacher aus Alice im Wunderland. Ich habe Alice in Wonderland immer sehr geliebt. Später habe ich herausgefunden, dass der Autor Lewis Carroll pädophil war, und das war’s dann mit dem Namen.
Heute arbeite ich unter meinem eigenen Namen. Er wurde historisch kolonialisiert: Aus dem armenischen Hatchatourova wurde durch russischen Einfluss Haturba. Ich habe mich bewusst entschieden, meinen dekolonialisierten armenischen Namen als Künstlernamen zu verwenden: Nicole Hatchatourova. So fließen mein politischer Aktivismus und meine Wurzeln, die mir sehr wichtig sind, direkt in meine Arbeit ein.
F: Von wem würdest du dich gerne einmal tätowieren lassen?
N: Unbedingt von Paul Booth. Er war der erste Tätowierername, der sich mir eingebrannt hat, weil er viele Musiker aus der Metal-Szene tätowiert hat, die mich stark geprägt haben. Damals bekamst du solche Infos nur sehr schwer über Magazine oder Interviews – heute ist das selbstverständlich. Früher bist du auf eine Website gegangen, hast eine Mail geschrieben und gehofft, dass du irgendwann in sechs Monaten eine Antwort kriegst...In einem Interview hat er dann den Namen genannt. Das Motiv auf der Brust - eine Sonne und ein Mond - hat mir Paul Booth gestochen. Seitdem wünsche ich mir ein Tattoo von ihm. Er lebt in Amerika.
Seitdem wünsche ich mir ein Tattoo von ihm. Er lebt in Amerika.
Außerdem gibt es einen Tätowierer, der wunderschöne japanische Sachen macht, der Gakkin heißt.
F: Habt ihr auch internationale Gast-Tätowierer bei euch im Studio? Ladet ihr euch gegenseitig ein?
N: Wir sind sehr picky und eher geschlossen. Gast-Tätowierer einzuladen, ist natürlich ein gutes Geschäft ist. Der Grund, warum wir das ungern machen, ist, wenn wir jemanden nicht kennen, dann wissen wir nicht, wie der Kontakt zu den Kunden ist und wie sauber die Person arbeitet?
Beim Tätowieren spielt Sauberkeit eine sehr große Rolle. Kontamination passiert so unendlich schnell bei dieser Arbeit. Du brauchst nur einmal etwas falsch anzufassen, und schon können pathogene Keime übertragen werden.
Deshalb arbeiten wir nur mit einer Person, die wir sehr gut kennen und von der wir wissen, wie sie arbeitet und auch wie die Arbeiten abheilen.
F: Was meinst du damit, wie die Arbeiten abheilen?
N: Also, es gibt das frische Ergebnis, was heute meist auf Social Media gepostet wird und es gibt abgeheilte Arbeiten. Früher in den Tätowiermagazinen sah man meist abgeheilte Tattoos.
Es ist ein Weltenunterschied, wie etwas frisch und abgeheilt aussieht und vor allem wie etwas abgeheilt nach vier Wochen, zwei Monaten oder 10 oder 20 Jahren aussieht und da kommt eben das Wissen ins Spiel. Wie und mit welchem Know-how arbeite ich, passend zu deiner Hautfarbe, zu deinem Hauttyp, zu deinem Alter und zu deiner Hautbeschaffenheit.
Jemand mit dunklerer Hautfarbe braucht zum Beispiel ganz andere Kontraste. Da hat mir meine Erfahrung als Make-up-Artist beim Tätowieren sehr geholfen. Das Klischee, dass man bei dunkler Haut keine Farben verwenden kann, stimmt überhaupt nicht. Aber ich muss wissen: Welche Farbe benutze ich? Wie setze ich den Kontrast richtig ein?
Es gibt Unterschiede zwischen jemandem, der dunkel, aber olivfarben ist, jemandem, der warm-dunkel ist – zum Beispiel ein indischer Hauttyp – oder jemandem mit sehr dunkler, schwarzer Haut. Ich kann zum Beispiel kein Grün bei jemandem einsetzen, der olivfarbene Haut hat, weil sich das gegenseitig „beißt“.
Auch ist die Hautdicke oft unterschiedlich. Eine ältere Person hat oft sehr dünne Haut. Da kann es schnell passieren, dass man zu tief sticht. Oder wenn jemand kommt und sagt, er ist Hochleistungssportler und ständig in der Sonne, dann sollte man ihm kein extrem kontrastarmes, super realistisches, sehr softes Grey-Tattoo auf die Oberschulter stechen – weil das in ein paar Jahren ausgebrannt und kaum noch sichtbar sein wird.
Deshalb gehört viel Know-how und Wissen dazu, wie ein Tattoo am Ende aussieht.
F: Ist dieses Wissen auch Teil der Beratung? Besprecht ihr das mit den Kund:innen?
N: Auf jeden Fall. Im Beratungsgespräch bespreche ich das alles ganz offen – manchmal rate ich auch von bestimmten Ideen ab. Ich sage den Kund:innen immer dazu: Das Beratungsgespräch ist wichtig. Wenn jemand meint: „Nein, passt schon, ich komme einfach vorbei“ – vor allem beim ersten Tattoo –, dann versuche ich trotzdem, ein Gespräch vorab zu führen. Wenn jemand nicht aus Wien ist, mache ich das auch gerne über Zoom oder einen Video-Call.
Erstens, um alle Fragen zu klären, die die Kundin oder der Kunde haben könnte, und zweitens, damit ich alle Informationen bekomme, die ich brauche. Oft denkt man, man ist sich völlig sicher und alles ist klar – aber aus Erfahrung kommen im Gespräch noch viele Fragen dazu.
Dann muss ich manchmal auch Erwartungen rausnehmen, zum Beispiel wenn Linien zu klein oder zu nah beieinander geplant sind und so nicht funktionieren. Das heißt, die Person muss noch einmal umdenken. Dann sage ich: „Überleg dir das in Ruhe, wir hören uns in zwei Wochen noch einmal, und dann gibst du mir ein Update.“ Erst danach fixieren wir alles.
F: Erst danach ist der Motiventwurf freigegeben – ist das so korrekt?
N: Genau. Und dann fange ich an zu arbeiten.
F: Machst du auch Walk-ins, also Leute, die sagen: „Ich brauche das jetzt sofort“?
N: Ja, hundert Prozent. Und das ist auch völlig okay. Ehrlich gesagt ist das oft ein Bauchgefühl. Wenn zum Beispiel zwei Freundinnen an ihrem freien Tag hereinkommen, sagen: „Wir waren gerade brunchen und wollen jetzt ein Freundschaftstattoo“, und das fühlt sich stimmig an, dann ist das klar.
F: Dann sagst du nicht, komm in zwei Wochen wieder?
N: Nein, dann machen wir das sofort. Wenn aber ein junges Mädchen hereinkommt und sagt: „Ich will meinen Freund beeindrucken, ich habe nur jetzt Zeit und will seinen Namen tätowieren“, dann bin ich ehrlich gesagt streng. Da kommen bei mir die „Auntie-Vibes“ raus. Dann sage ich: Warum machen wir nicht lieber ein Symbol? Aus Erfahrung weiß ich, dass ich das sonst später covern muss.
Und ehrlich gesagt hat das schon vielen Kundinnen gutgetan. Sie sind später wiedergekommen und waren froh, dass sie keinen Namen tätowiert hatten. Deshalb finde ich: Tätowieren ist eine große Verantwortung. Klar, man kann – wie man auf Social Media sagt – ein „Cash-Grab-Tattoo-Artist“ sein, no shade, jeder kann arbeiten, wie er oder sie will. Aber da sind wir für mich bei dem sehr wichtigen Punkt: Tätowieren ist eine wahnsinnige Verantwortung.
Einem sehr jungen Menschen einfach Hand oder Gesicht zu tätowieren, nur weil er oder sie sagt, „Ich bin mir sicher“, das muss man hinterfragen. Da muss man auch Nein sagen.
F: Was ist so besonders an einem Hand-Tattoo?
N: Wenn du sehr jung bist und dir noch nicht sicher bist, kann dir ein Hand-Tattoo spätere Jobchancen kaputtmachen – vor allem in sehr konservativen Berufen. Mit 19 sage ich dir deshalb klar: Das mache ich nicht.
F: Du hast dich demnach bewusst gegen einen konservativen Job entschieden?
N: Ja. Ich wusste immer, dass ich keinen 9-to-5-Job will. Das hätte mir nicht gutgetan. Ich zeichne gerne nachts, und viele Kundenanfragen kommen am Wochenende oder um drei Uhr früh.
Das Blackwerk Tattoo Studio hat Kernöffnungszeiten, wo immer jemand da ist. Ich arbeite aber auch super gern abends, manchmal bis 22 Uhr – gerade mit Stammkundschaft. Das mag ich an dem Job.
F: Okay, du hast vorhin das Covern von Tattoos erwähnt. Ihr seid im ersten Bezirk in Wien – werdet ihr wegen der Adresse öfter für Cover-ups angefragt?
N: Cover-ups sind, ich würde nicht sagen eine Königsdisziplin, aber sie sind sehr schwierig. Je nach Stelle, Motiv und Wunsch der Person ist der Aufwand deutlich größer als bei einem frischen Tattoo. Sie erfordern mehr Planung, Aufklärung und bergen auch mehr Risiken.
Dass wir dafür öfter angefragt werden, liegt weniger an der Adresse als daran, dass wir empfohlen werden und uns viel Zeit für Kund:innen nehmen. Wir arbeiten sehr kundenzentriert und gestalten custom pieces. Unser Ziel ist es nicht Schadensbegrenzung zu machen, sondern aus einem verpfuschten oder negativ besetzten Tattoo etwas zu machen, mit dem die Person am Ende sogar zufriedener ist als zuvor. Dafür sind Zeit und Aufmerksamkeit entscheidend.
F: Tätowierungen als Traumaverarbeitung – etwa um sichtbaren Selbstverletzungen auf der Haut mithilfe eines Tattoos eine neue Story zu geben. Erlebt ihr das auch?
N: Selbstverletzendes Verhalten, das gecovert wird bei Menschen, die noch relativ jung sind, aber aus der Teenager Zeit raus sind, habe ich relativ oft. Aber es gibt auch Verletzungen, die man nicht sieht. Beispielsweise Traumaverarbeitung nach sexuellen Übergriffen.
F: Das erfährst du dann im Gespräch?
N: Ja. Es gibt inzwischen auch Codierungen. Zum Beispiel steht die Medusa – vor allem bei jüngeren Generationen – als Symbol für sexuellen Missbrauch, wegen ihrer mythologischen Geschichte.
F: Man tätowiert sich das, um zu zeigen: Das ist mir passiert?
N: Genau. Es gibt mittlerweile viele solcher Codes. Das kommt stark durch Social Media. Diese Symbole schaffen Sichtbarkeit und Zugehörigkeit – etwa auf TikTok, wo Betroffene in Kommentaren viel Solidarität bekommen. Die Leute posten auf solche Tattoos: „Hey, du bist stark und weiter so.“
F: Lehnt ihr auch Tätowierungen wegen der Hautbeschaffenheit ab, etwa wegen Muttermalen?
N: Ja. Muttermale können sich verändern und größer werden, da muss immer zuerst ein Arzt oder eine Ärztin drüberschauen. Über Wulstnarben und frische Narben, die jünger als zwei Jahre sind, sollte man auch nicht drübertätowieren. Deshalb bin ich beim Besprechungstermin richtig nervig, also richtig nervig. Aber ich mache das, um dich zu schützen.
F: Und gibt’s für euch Schmerzgrenzen, bei denen ihr sagst: Das Motiv tätowiere ich nicht?
N: Ja, aber das hat dann etwas mit dem Inhalt zu tun.
F: Tätowiert ihr rassistische, antisemitische oder gewaltverherrlichende Inhalte? Die zerstückelte Ex-Freundin?
N: Oh mein Gott, nein. Alles, was in irgendeiner Form diskriminierend ist, ist tabu. Bestes Beispiel: Diese True-Crime-Podcasts. Wenn jemand kommt und sagt: „Oh mein Gott, ich will unbedingt diesen Serial Killer tätowiert haben“, dann sage ich: Auf Wiederschaun! Absolut nicht. Da gibt’s für mich auch keine Erklärung. Ebenso Gewalt an Kindern.
F: Du informierst dich dann auch vorher, was ein Motiv bedeutet?
N: Wenn mir etwas fishy vorkommt, Ja. Wenn ich ein ungutes Gefühl habe oder jemand nicht offen mit mir ist, lehne ich ab.
F: Es ist auch für dich eine Bauchentscheidung?
N: Zu hundert Prozent. Das ist der Vorteil an der Selbstständigkeit: Ich kann sagen, was ich machen will und was nicht – auch einfach, wenn mir ein Motiv nicht gefällt.
F: Es gibt also Studios, die alles machen?
N: Ja, die gibt es sicher.
F: Ist Pfusch ein Thema?
N: Absolut. Jetzt sogar noch mehr als früher, würde ich sagen.
F: Wegen der Migration? Gibt es Tätowierer, die keine Arbeitserlaubnis in Österreich haben?
N: Nein, überhaupt nicht. Das hat nichts mit Migration zu tun. Das Problem ist eher, dass sich viele Kids einfach eine Tätowiermaschine online bestellen können und beginnen ihre Freund:innen zu tätowieren.
Ein anderes Problem ist Preisdumping: Es gibt Leute, die mit Gewerbeschein und unter Einhaltung der Hygienevorschriften von zu Hause arbeiten. Es fallen keine Studiokosten und sonstigen Auflagen an, was zu massivem Preisdumping führt.
Sowohl bei heimtätowierenden Kids wie bei heimarbeitenden Tätowierer:innen ist das Hauptproblem die Cover-Arbeit bei verpfuschten oder schlechten Tätowierungen. Linien, die komplett dick rausgehen oder halb rausbrechen und in das Fettgewebe verrinnen, sogenannte Blowouts, kommen oft davon, dass sich Kund:innen Geld sparen wollten.
Deshalb ist es extrem wichtig, sich über Tätowierer:innen vorher zu informieren. Social Media kann helfen. Uns rinnt der kalte, reine Schauer den Rücken hinunter, wenn wir auf Instagram sehen, einer tätowiert mit einer Maschine ohne Kabelabdeckung - und du denkst sofort: HIV, Hepatitis und alles Mögliche – für den, der gerade sitzt, und für die nächsten zwanzig, die kommen.
Oder wenn einer auf irgendeiner Plüschdecke liegt, statt auf einer ordentlichen, überzogenen Liege. Ich sage, das ist ein Infektionsbingo.
Preisdumping ist zwar schlecht fürs Business, aber in erster Linie geht es um die Gefahren – auch für die Tätowierer. Mehr Aufklärung und Awareness wären nötig: Tätowierungen sollten nur im Studio gemacht werden – wegen den gesundheitlichen Risiken und um das Gewerbe zu schützen.
F: Gibt es große länderspezifische Unterschiede die Hygienestandards beim Tätowieren betreffend?
N: Ja. In Deutschland gehst du beispielsweise zum Gewerbeamt, zahlst rund 60 Euro und bekommst deinen Gewerbeschein. Mehr braucht es dort nicht und du kannst dein Studio eröffnen.
In Österreich ist das anders: Hier brauchst du einen medizinischen Kurs. In diesem Kurs lernst du alles über Infektionskrankheiten, Kontamination und Hygieneabläufe. Es gibt eine praktische und eine mündliche Prüfung. Bei der praktischen Prüfung sind eine Ärztin und eine Anwältin anwesend, bei der mündlichen ebenfalls eine Ärztin. Dort wirst du zu Themen wie Infektionskrankheiten, Dermatologie, Blut, Kreislauf und ähnlichem geprüft.
Wenn ein Studio theoretisch nie ordentlich gereinigt wird, ist das vergleichbar mit einem Krankenhaus – denn es geht um Blut, und Blut bedeutet immer die Gefahr der Kontamination.
Wenn ein Studio dauerhaft unhygienisch ist – das gab und gibt es auch in den USA –, können sich keimresistente Erreger bilden, ähnlich wie in Krankenhäusern. Diese können selbst bei gesunden Menschen schwere Folgen haben: von Nekrosen, also dem Absterben von Gewebe, über Blutvergiftungen bis hin zu Amputationen oder sogar Tod.
Man muss allerdings auch sagen, dass bei der Nachsorge durch Kundinnen ebenfalls viel schiefgehen kann. Genau deshalb gibt es vor dem Tätowieren ein ausführliches Aufklärungsgespräch und nach dem Tätowieren noch einmal eine Erklärung zur Pflege. Ich sage immer zu meinen Kund:innen: Du hast jetzt das „Tätowier-Gehirn“, ich habe dir alles erklärt. Du gehst raus, das Adrenalin ist hoch, dann fällt es wieder ab und hast vielleicht alles vergessen, kaum, dass du bei der Tür raus bist. Genau deshalb bekommst du alles noch einmal schriftlich mit. Kundinnen bekommen eine Pflegeanleitung mit, in der alles genau beschrieben ist, und unterschreiben auch, dass sie die Informationen verstanden haben. Wenn ich allerdings das Gefühl habe, dass jemand überhaupt nicht aufpasst oder gleich alles missachtet, dann muss ich aus Selbstschutz sagen: Ich kann dich nicht tätowieren. Denn selbst wenn ich perfekt arbeite, alle Standards einhalte und du das Studio optimal verlässt – du aber zu Hause die Folie sofort herunterreißt, den Hund darüber schlecken lässt und alle meine Anweisungen ignorierst, gefährdest du nicht nur dich, sondern auch mich, meinen Beruf und mein Gewerbe.
F: Der Staat kontrolliert auch?
N: In Österreich gibt es einen jährlichen Hygienecheck in Studios. Dabei werden Abstriche von Arbeitsflächen und vom Boden genommen und im Labor ausgewertet. Erst wenn alles passt, bekommst du das offizielle Okay, dass du weiterarbeiten darfst.
F: Es gibt die sogenannten Biotattoos, die angeblich wieder verschwinden. Ist das wahr?
N: Kurz gesagt: „Biotattoo“ ist kein klar definierter Begriff – genauso wie „semipermanent“. Meist heißt das einfach, dass nicht so tief gestochen wird. Das kann jede:r machen.
F: Also kein echtes Versprechen?
N: Genau. Entweder man ist bereit für ein Tattoo fürs Leben – oder man lässt es ganz. Wenn ich merke, dass jemand unsicher ist, tätowiere ich nicht. Eine Tätowierung ist für die Ewigkeit.
F: Es gibt vegane Tattoo-Tinten. Welche Tinten verwendet ihr?
N: Ich arbeite mit einem festen Setup, das sich über Jahre bewährt hat. Seit den neuen EU-Regelungen dürfen wir nur noch mit Farben arbeiten, die REACH-/RAPEX-konform sind. Das dient dem Schutz vor toxischen Stoffen und Schwermetallen.
F: Und vegan?
N: „Vegan“ ist schwierig. Marketingtechnisch klingt das gut, aber zu hundert Prozent lässt sich das oft nicht garantieren – weder bei Farben noch bei Schablonenpapier. Ich bin da ehrlich: Man kann es versuchen, aber absolute Sicherheit wie im Lebensmittelbereich gibt es nicht.
F: Gut, kommen wir zur Stigmatisierung wegen Tätowierungen. Why?
N: In Westeuropa hat Stigmatisierung wegen Tätowierungen eine lange Geschichte. Ein Beispiel ist der österreichische Architekt und Kulturkritiker Adolf Loos, der tätowierte Menschen als „degeneriert“ bezeichnete – verbunden mit Ideen von Eugenik, Kriminalität und „schwachem“ Erbgut. Aus diesen Denkrichtungen entwickelte sich Ausgrenzung von Tätowierten oder Zwangstätowierungen wie im Nationalsozialismus.
Andererseits waren Tätowierungen ein Privileg: In Ländern wie England waren sie dem Adel vorbehalten und galten als Schmuck. Kaiserin Sisi hatte ein Tattoo. Die Bedeutung wurde also je nach Zeitgeist komplett unterschiedlich interpretiert.
Heute werden Tätowierungen in Westeuropa meist aus ästhetischen Gründen getragen. Das Stigma hat sich dabei verschoben: Früher ging es darum, ob jemand tätowiert ist, heute eher wie. Ein hochwertiges Tattoo wird positiv wahrgenommen. Qualität, Stil und sichtbare Investition spielen bei Tätowierungen eine große Rolle. In modernen Firmen haben heutzutage auch Menschen in Führungspositionen sichtbare Tattoos, selbst auf den Händen. In konservativen Bereichen ist das schwieriger. In konservativen Berufen sind Tattoos oft ein bewusster Ausdruck von leiser Rebellion. Darum stehen Tattoos heute für mich vor allem für Individualität und Identität.
Am Ende bleibt es aber ein gesellschaftlicher Filter: Du bist tätowiert – und was machst du beruflich? Du bist voll tätowiert, aber Arzt. Wow, cool. Diese Frage ist sehr österreichisch. Die Stigmatisierung ist nicht verschwunden, sie hat sich nur verändert.
F: Tätowierer:innen haben ihre Portfolios heutzutage hauptsächlich online. Früher gab es Mappen im Studio, aber heute läuft das meiste über Instagram, oder?
N: Genau. Ich habe hier zwar noch eine ganz alte Mappe, aber ehrlich gesagt schaut die kaum noch jemand an. Die meisten gehen direkt auf Instagram oder auf die Website – das ist ja ohnehin miteinander verknüpft. Das ist auch praktischer, weil die Arbeiten immer aktuell sind: Was ich tätowiere, poste ich dann zeitnah.
F: Okay, gut. Also, die schmerzhafteste Stelle, sagst du, ist wo?
N: Ich werde eine super unbefriedigende Antwort geben und sagen, kommt total drauf an!
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