Wider der Angst vor Desinformationen.
Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Fake News ist eine spannende Erfahrung, die die Polaritäten unserer Welt sichtbar macht – im Zentrum stehen dabei häufig scheinbar unüberwindbare „Glaubenswahrheiten“.
Vorsätzliche Falschinformationen, also Fake News, bilden dabei oft nur das Hintergrundrauschen dieser polarisierenden Überzeugungen. Angesichts der stetig wachsenden Informationsflut nimmt auch die Menge an Desinformation, der wir heute ausgesetzt sind, drastisch zu – das Rauschen wird immer lauter.
Mimikama, der Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch und Österreichs erste Anlaufstelle gegen Fake News, spricht von einer „globalen Eskalation, die wie Gift in unsere digitale Blutbahn sickert.
Doch zu meinen, die Lügen haben derzeit die Oberhand, trifft den Kern des Problems nicht ganz. Zum einen ist der Diskursraum durch die Sozialen Medien unbegrenzt groß geworden.
Zum anderen war der begrenzte Diskursraum bis ins 20. Jahrhundert, den es heute ins moderne digitale Zeitalter zu transformieren gilt, fast 400 Jahre von den Prinzipien der „schwarzen Vernunft“ geprägt.
Dieser „mehrdeutige und polemische“ Begriff stammt vom kamerunischen Philosophen Achille Mbembe. Er bedeutet:
„Gestalten des Wissens; ein Ausbeutungs- und Ausraubungsmodell; ein Paradigma der Unterwerfung und der Modalitäten ihrer Überwindung; und schließlich einen psychischen Traumkomplex. Dieser große Käfig, in Wirklichkeit ein komplexes Netz aus Spaltungen, Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten, hat die Rasse als Grundlage.“(1)
Auf diesen Prinzipien der „schwarzen Vernunft“ beruhte über 300 Jahre unser globales Wirtschaftssystem, das rechtlich und praktisch durch die Sklaverei umgesetzt war. Dabei ging es nicht nur um die Inbesitznahme des afrikanischen Menschen, sondern um die Ausbeutung seiner Arbeitskraft sowie den Raub von allen Rohstoffen, Ideen und Fertigkeiten.
Wie schwierig es ist, die Neuverteilung von Macht selbst nach dem rechtlichen Verbot der Sklaverei, durchzusetzen, erkennen wir heute schemenhaft an langfristigen Folgen, wie der Migration.
Nicht nur inhaltlich, auch praktisch müssen alte Glaubenswahrheiten ins digitale Zeitalter transformiert werden. In dem Blockbuster „Jiu Jitsu“ ermöglicht diese Transformation der alten Regeln in die Jetztzeit eine Art Durchlässigkeit. Durch ein physisches Portal in einem buddhistischen Tempel gelangt alle 6 Jahre der Alien Brax in unsere Welt, um mit dem „Chosen Jiu Jitsu“, dem weltbesten Jiu-Jitsu-Kämpfer einen Kampf zu führen. Verweigert der Erwählte Jiu-Jitsu den Kampf mit Brax, tötet der Alien alles und jeden, der ihm begegnet, solange, bis er sich dem Kampf stellt. Ein Trick, dem Kampf zu entgehen, ist aber, sich verrückt zu stellen. Denn mit einem Verrückten zu kämpfen ist nicht ehrenhaft. Dann wird ein anderer der Erwählte.
Durchlässig für die Grenzen sind demnach die Regeln der Erwählten, der Mächtigen.
Die Macht oder die Mächtigen sprechen auch miteinander: Im "Den Haag Hilton", dem Gefängnis des UN-Kriegsverbrechertribunals für Ex-Diktatoren, Warlords und Massenmörder, spielen die Glaubenswahrheiten, für die einst unzählige Menschen starben, keine Rolle mehr. Im Jahr 2014 zitiert Klaus Theweleit aus der Süddeutschen: „Die beiden Kriegsverbrecher von Bosnien und Liberia, Radovan Karadžić und Charles Taylor, sollen sich gegenseitig mit ‚Herr Präsident‘ angesprochen haben (…)“(2); Die Herren Präsidenten stammen aus einer Zeit, in der der Diskursraum durch die sozialen Medien noch nicht unbegrenzt groß war.
Niemand muss heute so viele Follower haben wie ein Präsident und kann trotzdem seinen Fingerabdruck in der Geschichte hinterlassen.
Auf diesem Gerüst bauen die Fake News auf. Ihr praktisches Handlungsfeld im digitalen Raum folgt immer gleichen Mustern: Bei gesellschaftlich emotional aufgeladenen Themen oder Situationen tauchen Meldungen auf, die politische oder soziale Überzeugungen stützen, die durch eine Vielzahl gestreuter Desinformationen zusätzliche Wirkkraft erhalten, insbesondere dann, wenn praktische oder argumentative Einflussnahme fehlt. Die Fake News fungieren hier als emotionaler Verstärker. Aus einer Nachricht, entsteht eine Falschnachricht, die als Desinformation zu klassifizieren ist, da sie vorsätzlich mit der Absicht erstellt wurde andere zu täuschen. (Möglich wären auch zwei oder drei Desinformationsnachrichten, z.B. Deepfakes - durch künstliche Intelligenz manipulierte Foto-, Video- oder/und Audiodateien, aus einer Nachricht.)
Freilich muss heute mitgedacht werden, dass die Produktion von Fake News auch Geld bedeutet. Die Faktencheck-Plattform der Wochenzeitschrift profil erklärt dies am Beispiel der Plattform X „Je mehr Likes, Kommentare und Shares ein Posting eines zahlenden Premium-Accounts bekommt, desto mehr Geld gibt es für den Absender des Posts.“(3)
Fakt ist, selbst wenn die Desinformation später entlarvt wird, bleibt der Eindruck an die Fiktion als möglicher Realität bestehen. Eine Desinformation entfaltet vor allem dann Wirkung,
wenn sie an tief verankerte Überzeugungen, Glaubenswahrheiten, Misstrauen, Ressentiments, Ängste oder bestehende Weltbilder anknüpft.
Fazit
Fake News sind als fester Bestandteil unserer globalisierten, informationsgetriebenen Welt nicht mehr wegzudenken. Grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass nahezu jeder Nachricht eine potenziell fehlerhafte oder absichtlich gefälschte Nachricht entgegengestellt wird.
Die Aufdeckung solcher Desinformationen ist nicht nur eine neue journalistische Praxis, sondern markiert auch eine neue Dimension im Journalismus, die zur Vertiefung von Nachrichten und damit zur Qualitätssteigerung beiträgt. Kurz: Zu einer News sollte heute die Fake News mitgelesen
werden können. Dann ist man besser informiert!
Neben zahlreichen privaten und öffentlichen Initiativen betreiben große Nachrichtenagenturen und Medien mittlerweile ihre eigenen Faktencheck-Plattformen, wie
factcheck.afp.com,
faktiv,
APA-Faktencheck
u.a. Auch Tools zum eigenständigen
Überprüfen von Inhalten stehen zur Verfügung, wie das INVID-Plugin, das auf jedem Browser installiert und gratis benützt werden kann.
Trotz aller Gefahren und negativen Aspekte sollten Fake News auch als Chance begriffen werden, da sie Diskursräume zu gesellschaftlich relevanten Themen eröffnen. Wir sollten Desinformation daher nicht mit Angst begegnen. Je stärker wir in unserem Bewusstsein verankern, dass jede Nachricht auch eine verfälschte Nachricht sein könnte, desto souveräner gelingt uns der Umgang damit – und desto eher verlieren solche vorsätzlich verbreiteten Falschinformationen ihre Wirkung. ■
Weiterführende Links im Kampf gegen Desinformation:
https://www.mimikama.org
https://correctiv.org
https://gadmo.eu
https://efcsn.com
https://www.saferinternet.at
BKA,
KommAustria
1 Achille Mbembe. Kritik der schwarzen Vernunft, S.27.
2 Klaus Theweleit. „Das Lachen der Täter: Breivik u.a.. Psychogramm der Tötungslist, Residenz Verlag.
3 Zit. Julian Kern, Jakob Winter und Kevin Yang. „Das zynische Geschäft mit falschen Todesmeldungen.“ Auf: profil.at/faktiv, 24. März 2024

