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Die wahren Helden des Desinformations-Zeitalters

Die wahren Helden des Desinformations-Zeitalters
Die wahren Helden des Desinformations-Zeitalters


 Die wahren Helden des Desinformations-Zeitalters

 „Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist." 

Das sang Andre Heller in seinen besten Tagen als intellektuelle Speerspitze des Austropop in den 1970er-Jahren. Leider wurde er ein paar Jahrzehnte später zum Opfer seiner eigenen Philosophie. Der Skandal um ein Bild des Ausnahmekünstlers und Cashcow Basquiat - oberste Liga, wenn es um globale Kunstmärkte geht - in den Heller verwickelt war; zeigte, dass sich Fakes keineswegs in einer Grauzone der Rechtsunsicherheit befinden müssen. Je nach Interessenslage werden die Faker bestraft. Je nach Interessenslage aber auch nicht, weil eventuell ja niemand Interesse daran hat, ein teures Bild im Museum als Fälschung zu entwerten. Entweder es geht um viel Geld, um viel Macht oder um viel Spaß. In jedem Fall geht es allen Fälschern immer um viel. Das mag wohl ein Grund dafür sein, weshalb die Fälscher und Fälscherinnen mit größtem Respekt rechnen dürfen, weil sie doch die Intelligenz besitzen Strukturen zu erkennen und alle zu täuschen. Das ist natürlich eine gänzlich unmoralische Haltung. Umso schwerer haben es die, die Fakes aufdecken und die Fälscher vor Gericht bringen. Doch gerade sie sind die wahren Helden im Desinformations-Zeitalter.

Kaum zu glauben! Faszination „Fake"

Was bewegt Menschen dazu Fakes in die Welt zu setzen? Gottfried Kinsky-Weinfurter begibt sich auf die Suche nach einer Antwort darauf.

Die Wahrheit ist unter Druck geraten

Die Wahrheit steht unter Druck. „Wir sehen eine Welt ohne gemeinsame Fakten und objektive Wahrheiten," urteilt eine US-Kommunikationsfirma. (1) Jaques Derrida war der Ansicht, dass „die Wahrheit abgenutzt und übermäßig benutzt" worden wäre. (2) Der Vatikan erklärt einen Tag im Mai zum Welttag der sozialen Kommunikation, verstanden als eine Art Mahnwache für Blogger, Facebooker und Instagram-User. Ziel ist es die Lüge zu entlarven, um zu verhindern, dass Gesellschaften auseinanderbrechen.

2017 nutzte die New York Times die durch Fake-News entstandene Fakten-Unsicherheit, um sich in Szene zu setzen. In einer Kampagne, getragen von TV-Commercials und Anzeigen in Printmedien, stellte sich die Zeitung selbstbewusst als seriös recherchierendes Leitmedium dar und profitierten damit vom Gefühl einer allgemeinen Faktenunsicherheit. (3)

Fakes haben eine politische Größenordnung angenommen, die einmalig ist in der Geschichte der strategischen Irreführung. Frei nach Marshall McLuhan ließe sich sagen: Nicht bloß das Medium ist die Message, sondern die Größenordnung der Fakes ist die Botschaft. Und das kuriose daran: Ab einer bestimmten Masse überholen die Fakes die Realität. Die Täuschung ist zu einem Geschäftsmodell geworden. Man denke nur an die Fakes im Print-Journalismus, etwa jene von Claas Relotius, der jede Menge Artikel für das Leitmedium „DER SPIEGEL" frei erfunden hatte und es mit diesen Geschichten, die man ihm als echt abnahm, zu höchsten journalistischen Ehren brachte.

Die Illusion der „Objektivität"

 Die Erzählmärkte der Verhüllung, der Undeutlichkeit, der Lügen und Sottisen existieren seitdem der Mensch sprechfähig ist. Ebenso aber auch die Suche nach dem, was wir als Wahrheit verstehen wollen. In der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde die Vernunft, die Rationalität hymnisch verehrt, als Gegenwelt zum „finsteren Mittelalter" mit seinem Glauben an Geister, Dämonen und Gespenster. Großmeister der Vernunfttheoretiker war Immanuel Kant. Doch gegen die Macht des Irrationalen und Fiktiven hatte auch er keine Chance. Ausgerechnet im Zeitalter der Vernunft und der Aufklärung entstanden die Gothic Novels, Schauergeschichten, die im 20. Jahrhundert die Plots für unzählige Horrorfilme lieferten.

Fakes können auch eine stabilisierende Rolle besitzen.  Die meisten Reliquien, an denen die christliche Kirche so reich ist, sind zwar von fragwürdiger Authentizität, doch sie festigen den Glauben. Selbst Martin Luther, der ein ausgesprochener Vernunftmensch war, ließ dann und wann auch einmal erfundene Wundergeschichten als so genannte „katechetische Allegoreme" durchgehen.

Krieg und die Kunst der Täuschung

Ganz Europa rüstet auf. Krieg und Kriegsangst sind Diskursthemen, schon deshalb, weil hier sagenhafte Gewinne an der Börse möglich sind. Die Aktien des Rüstungskonzerns Rheinmetall sind in den letzten Monaten um mehr als das Zehnfache gestiegen. Ebenso auf der Gewinnerseite sind jene, die zeitgerecht in Gold investiert haben. Angesichts einer überall spürbaren Angst vor kriegerischen Konflikten aller nur denkbaren Qualitäten ist es angebracht sich mit dem Werk des vielleicht größten Militärstrategen in der Geschichte der Kriegskunst zu beschäftigen. Die Rede ist von Sun Zi und seinen Traktaten, in denen immer wieder von Täuschung die Rede ist. Die Traktate sind seit mehr als 2000 Jahren so etwas wie Bestseller. Die deutsche Übersetzung ist in einer wunderschönen und illustrierten Hardcover Ausgabe auf dem Buchmarkt. (Samuel B. Griffith, Sun Zi. Die Kunst des Kriegs. Die neue illustrierte Ausgabe. Wien 2023, S.96). Sun Zis Traktate zu einer Philosophie des Kriegs stammen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Eingang in die westliche Welt fanden diese Texte durch den Jesuiten Pater J- J. M. Amiot, der als Missionar in Peking tätig war.  Amiot übersetzte die „Kunst des Krieges" 1772, einer Zeit, in der sich besonders französische Künstler und Intellektuelle von chinesischer Kultur inspirieren ließen. 1782 wurden die Traktate Sun Zis in einer Anthologie veröffentlicht, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch Napoleon gelesen haben dürfte. Er galt ja als eifriger Leser. Wir können davon ausgehen, dass alle heute lebenden Machthaber von Putin bis Trump diese Traktate gelesen haben.

Wieviel ist eine Fälschung auf dem Kunstmarkt wert?

Wer sich mit der Geschichte der Fälschungen in der Kunst beschäftigt, wird sich kaum mehr motiviert fühlen in sie sein Geld zu investieren. Experten vermuten, dass 80 Prozent der Werke von Salvador Dalí, die auf dem Markt gehandelt werden Fälschungen sind. Sie wurden zum Teil wissentlich von ihm und seiner geschäftstüchtigen Frau Gala produziert, um präsent auf den Kunstmärkten zu sein. (Vgl. dazu das „Lexikon der Fälschungen“ von Werner Fuld, Frankfurt am Main, 1999).

Ein anderer Fall ist Lothar Malskat, der zwischen 1945 und 1951 in bewundernswertem Eifer und Kreativität Barlachs, Utrillos, Beckmanns, Pechsteins und die beliebten Chagalls und Munchs fälschte. 1955 wurde der Fälscher verurteilt und musste für 18 Monate ins Gefängnis. Insgesamt ging es etwa um 600 Werke, die er unter anderem Künstlernamen verkauft hatte.

Fälschungen in großer Zahl entstanden nicht erst in der Zeit der Moderne, sondern auch in der Renaissance. Der Mensch sollte aus dem Geist der Antike „wiedergeboren" werden. Als in der Renaissance ein wahrer Hype um die griechische Antike einsetzte, erkannten viele bildende Künstler, dass sie mit Fälschungen von Skulpturen von Persönlichkeiten der Antike ein Vermögen machen konnten. Es entstanden Tausende von Plastiken, von Skulpturen, die als „antik" verkauft wurden, aber nicht antik waren. Die Marmorbüste der Athena, die Scheinrestaurierungen enthält. Die künstlich patinierte Marmorgruppe von Ganymed mit Adler, die von einem florentinischen Bildhauer geschaffen wurde. Die Büste des Kaisers Hadrian und seines Lieblingsgefährten Antinous. Es handelt sich um Bronzenachgüsse aus der italienischen Renaissance, die als antik ausgegeben wurden. Die Büste des sogenannten Homer aus schwarzem Stein gehört zu einer Serienfälschung eines oberitalienischen Bildhauers der Frührenaissance. Und vieles mehr. Auskunft darüber gibt das Buch von Eberhard Paul „Gefälschte Antike" (Wien 1982). Er war Direktor des Fachbereiches Archäologie der Karl-Marx-Universität Leipzig.

Das gefälschte Adagio in g-Moll

Niemand hätte sich für das Adagio in g-Moll des italienischen Musikwissenschaftlers Remo Giazotto interessiert, hätte er es nicht als Werk des bedeutenden Barockkomponisten Tomaso Albinioni ausgegeben. Seit dem Jahr 1958 erlebte das für Streichorchester komponierte Werk unzählige Aufführungen in Klassikkonzerten und in Spielfilmen. Es wurde zu einem „Hit der Barockzeit", ohne freilich aus dem Barock zu stammen. In Konzertprogrammen wird deshalb heute neben Albinioni auch der wahre Urheber, nämlich Giazotto, genannt, der behauptet hatte, Grundlage des Adagios wären Skizzen des Meisters gewesen.

Fazit

Wir können folgendes Resümee ziehen: In jeder Fälscherkarriere spielt natürlich die Gier nach Geld eine Rolle. Zweites Motiv ist der Wille zur Macht. Das dritte Motiv aber ist vielleicht das spannendste: Die diebische Lust an der Täuschung der ahnungslosen Anderen. Alle drei Motive werden in der Trump Story „The Apprentice" (2024) genial vor Augen geführt. Nur so viel vorweg, Achtung Spoiler: Donald Trump war ursprünglich linkisch und ziemlich schüchtern. Kaum zu glauben.
 

Anmerkungen

 
1 Zit. n. Stefan Kornelius. „Lüge wird Wahrheit." In: Süddeutsche Zeitung, 15. Februar 2018, SZ SPEZIAL, S.11.
2 Hélène Cixous, Jaques Derrida. Voiles, Schleier und Segel. Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek. Herausgegeben von Peter Engelmann. Wien 2007, S.47.
3 The New York Times International Weekly, Friday, October 6, 2017. In der Beilage der Süddeutschen Zeitung, S.5. 
 

Buchempfehlungen

 
Werner Fuld, Das Lexikon der Fälschungen. Fälschungen, Lügen und Verschwörungen aus Kunst, Historie, Wissenschaft und Literatur. Frankfurt am Main, 1999,
 Samuel B., Griffith, Sun Zi. Die Kunst des Krieges. O. O. 2023. Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel Art of War.
Eberhard, Paul, Gefälschte Antike. Von der Renaissance bis zur Gegenwart. Wien 1982.

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